Ein kartografisches Rätsel – Die Vinland-Karte

Verfasst am 24.03.2018 | Abgelegt unter Geschichte & Ortsgeschichten, Kultur / Architektur / Design

Alles begann im Jahre 970, als Erik der Rote aus Norwegen fliehen musste, da er einen Mord begangen hatte. Er ließ sich im neu entdeckten Island nieder, wo seine Frau im gleichen Jahr einem Sohn das Leben schenkte, Leif Eriksson.
Auch in Island ließ Erik der Rote von seinem Tun nicht ab und wurde nach einem weiteren Mord für drei Jahre von der Insel verstoßen. Die Zeit der Verbannung verbrachte er auf Grønland.

Die im 13. und 14. Jahrhundert niedergeschriebenen Vinland-Sagas berichten nun von zwei Abenteurern, dem auf Island geborenen, aber später in Norwegen lebenden Bjarni Herjólfsson, der Amerika auf einer Irrfahrt per Zufall entdeckt haben soll, jedoch wohl nicht betrat, und Leif Eriksson, der von diesen Geschehnissen hörte, gezielt nach Westen reiste und das nun „Vinland“ getaufte Gebiet in Anspruch nahm.

Verifiziert wurden diese Ereignisse 1961 vom norwegischen Ehepaar Helge und Anne Stine Ingstad. Diese stießen an der Küste Neufundlands, bei LÀnse aux Meadows, auf archäologische Reste des besagten Vinlands (Wein- oder Weideland). Weitere Siedlungsreste wurden durch amerikanische Forscher in den letzten Jahren gefunden. Diese entdeckten zudem am Ufer des Hudson River im Bundesstaat New York Überreste eines Wikingerdorfes. Es datiert auf die Zeit des 9. oder 10. Jahrhunderts.

Eine Karte?

Im Jahre 1957 nun stieß der aus Connecticut stammende Antiquar Lawrence Witten in einer Buchhandlung in Barcelona auf ein altes, wie auch interessantes Buch, die spätmittelalterlichen Abschrift der Historia Tartaorum. Das Werk erhielt eine handgezeichnete Karte, die (angeblich) von den Vinland-Reisen berichtete und auf der auch das neu entdeckte amerikanische Land verzeichnet war. Erste Untersuchungen legten nahe, dass die Karte im 15. Jahrhundert entstand. Eine spätere Radiokarbonuntersuchung datierte das Pergament ungefähr auf das Jahr 1434. Doch ist es tatsächlich eine Originalkarte, die noch vor der „offiziellen“ Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus im Jahre 1492 entstand, oder handelt es sich vielmehr um eine auf altes Papier aufgetragene Fälschung?

Kontroverse Diskussion

Auf der Karte wird von der Entdeckung Amerikas berichtet. Es ist unter anderem zu lesen, dass „Mit dem Willen Gottes …die Gefährten Bjarni und Leif Eriksson ein neues, sehr fruchtbares, nämlich weintragendes Land (entdeckten), das sie die Insel Vinland nannten. Henricus [= Erik], Bischof des Heiligen Stuhls von Grönland und angrenzender Länder, entsandt in dieses weiträumige und überaus reiche Land, traf im letzten Jahr unseres heiligsten Vaters Paschalis ein, blieb dort im Namen des allmächtigen Gottes für lange Zeit …“

Der Inhalt des Textes entsprach in etwa den Überlieferungen der Vinland-Sagas. Zweifel entzündeten sich jedoch vor allem an der Art der Tinte und der ungewöhnlich genauen Darstellung Grönlands. Auch ein paar Wurmlöcher in der Karte sorgten für Rätselraten, denn diese passten nicht zu dem Papier des Buches, in dem die Karte gefunden wurde.

Das Problem mit den Wurmlöchern konnte gelöst werden, denn es fand sich später das Originalwerk, dem die Karte ursprünglich beigelegt war. Und dieses hatte die Löcher an der gleichen Stelle. Zudem war der Leim der Bindung in das Dokument eingedrungen und hatte es verfärbt.
Schwieriger ist es bei der Tinte. Diese enthält Titandioxid, das erst 1923 in Gebrauch kam. Andere Forscher meinen hingegen, dass auch Tinten aus dem 15. Jahrhundert schon Spuren von Titandioxid aufwiesen.
Ungelöst bleibt die vor allem entlang der Nordküste besonders genaue Darstellung Grönlands.

Zudem gibt es eine Theorie, die nahe legt, dass die Karte vor rund 80 Jahren gefälscht worden ist:
Das Buch, dem das Dokument beigefügt war, ist dem gleichen Vorarlberger Kloster zuzuordnen, in dem der österreichische Jesuitenpater, Geograph und Kartograph Joseph Fischer (1858-1944) lebte. Die US-Historikerin Kirsten Seaver geht nun davon aus, dass es Fischer war, der die Karte in den 1930er Jahren auf einem Stück leeren Pergaments, das er in dem mittelalterlichen Buch fand, zeichnete. Fischer wollte demnach mit dieser Fälschung den Nazis eins „auswischen“. Die Karte konnte sollte als Beweis dienen, dass zwar normannische, also nach Lesart der Nazis arische, Seefahrer Amerika entdeckten, dies jedoch mehr oder minder im Auftrag der katholischen Kirche taten. Die katholische Kirche würde somit treibende Kraft anerkannt werden müssen. Der Glaube stünde somit höher als die (arische) Herkunft.

Und nun?

Neue Analysemethoden sollten nun eigentlich Sicherheit bringen, doch statt dessen streiten die Gelehrten noch immer.

Besonders hoch her ging es im Jahre 2009. Am 26.3. verkündete z.B. der Merkur: „Vinland-Karte“ – Eine Fälschung. Woraufhin am 22.7. auf Spektrum.de zu lesen war: „Vinland-Karte – Sie ist echt“.

Auf beiden Seiten finden sich gewichtige Argumente. Wirklich gesichert ist im Prinzip nach wie vor nur, dass die Wikinger Amerika tatsächlich schon lange vor Christoph Kolumbus erreichten.

Das auf 20 bis 25 Millionen Dollar geschätzte Karten-Dokument ist heute im Besitz der Bibliothek der Yale University.

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(c) Reinhard Pantke

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