Die unheimliche Begegnung

© G. Kiesel 2007 Die norwegischen Nationalfarben lösen bei mir, wie vermutlich bei den meisten Besuchern dieser Internetseite nachfolgende Assoziationen aus: blau, wie das Meer, weiß, wie die schneebedeckten Berge und rot wie die Fjelle im Herbst. Aber da ist

Die unheimliche Begegnung

© G. Kiesel 2007

Die norwegischen Nationalfarben lösen bei mir, wie vermutlich bei den meisten Besuchern dieser Internetseite nachfolgende Assoziationen aus: blau, wie das Meer, weiß, wie die schneebedeckten Berge und rot wie die Fjelle im Herbst.
Aber da ist noch etwas. Ein Erlebnis, dass mir eine Gänsehaut macht, und mit dem ich bis heute nicht ins Reine gekommen bin – die mystische Seite Norwegens.
Ich meine nicht die Landschaftsänderungen, wenn Nebel oder Schneesturm alles auf den Kopf stellen. Ich meine auch nicht die Depressionen des ersten Norwegenbesuchs nach einer Woche Dauerregen.
Ich erzähle am besten die Geschichte.
Es war an einem schönen Julitag 2005 auf dem Riksvei 5, unweit vom Städtchen Skei. Am Himmel zogen die verschiedensten Wolkentypen gemächlich und eher friedlich ihre Bahn. Die Sonne brannte durch blaue Wolkenlücken und dampfte die Feuchtigkeit des letzten Schauers vom Asphalt. Im windstillen Kjøsnesfjord spiegelten sich kontrastreich die silbernassen Felsen mit Himmel. Die Landschaft atmete unglaubliche Frische und war von einer Klarheit, dass man glaubte den Regenbogen anfassen zu müssen und ihn für eine dieser Ingenieurskünste über die Fjorde hätte halten können. Dem Wiesenhang entlang der Straße entströmte eine betörende Geruchsmischung aus Mädesüß und Thymian, getragen von Wildrosenduft. Im Kontrast dazu standen erdgebundene Ausdünstungen frischen Schafdungs. Letztere stiegen nicht nur von den Kötteln auf der Strasse auf, die man umfahren musste, wenn Schafe davor lagen, welche die Wärme vom Asphalt absaugten. Auch aus der Umgebung verriet wenig andächtiges Geläut heftige Dünger und Wolleproduktion.
Ich war also vollauf damit beschäftigt den Wolleträgern nicht über die Schwänze zu fahren. An dieser Stelle erschließt sich auch, warum die spezielle Rasse der norwegischen Straßenschafe besonders kurze Schwänze hat. Nebenbei musste ich mich natürlich auch auf den Gegenverkehr konzentrieren. Aber, kein Vergleich zu deutschen Verhältnissen. Außerdem hatten wir ja Urlaub und waren nicht auf der Flucht.
So wanderte mein Blick mal wieder durch das geöffnete Fenster
vom Spiegelbild auf dem Fjord über die Straße den Wiesenhang
hinauf und zurück.

Gerade wollte ich die Eindrücke mit einem
langen Atemzug in mich einsaugen, als mich, eben noch aus den
Augenwinkeln wahrnehmbar, eine ungewöhnliche Bewegung am
Hang davon abhielt. Selbst ein rascher Schulterblick brachte keine
Klarheit. Im Gegenteil, der Eindruck, dass mir jemand oder etwas
(noen eller noe) zuwinkte, bestätigte sich. Außerdem fühlte ich
mich jetzt beobachtet. Und dieses „noen eller noe“ war für einen
Baum zu absurd geformt. Dabei muss man wissen, dass beste
Vormittagszeit mit optimalen Lichtverhältnissen war und sich fast
so viele Touristenautos wie Schafe durcheinander drängelten.
Während meine Augen nach der nächsten Parkmöglichkeit Ausschau hielten, um das Phänomen aufzuklären, brannte in meinem Kopf ein Feuerwerk der unmöglichsten Gedanken ab. Eher hätte ich damit gerechnet, trotz fehlender Warnschilder, einen Elch zu sehen als (das Herz schlug mir im Halse) einen Troll. Das war die einzige logische Erklärung, obwohl das natürlich nicht sein konnte. Als rational denkender Mensch mit naturwissenschaftlicher Ausbildung wusste ich selbstverständlich ganz genau, dass es Trolle, Nökke oder Nisse (mal abgesehen vom Weihnachtsmann) nur als Zierde an norwegischen Hofeinfahrten, Haustüren und im Souvenirladen gibt. Es drohte eine Schieflage meines Norwegenbildes!
Ich hielt das Auto unter den vorwurfsvollen Blicken meiner Frau ob der rasanten Fahrweise. Eine Staubwolke feinsten Steinsandes nebelte uns ein. Zur Erkundung der unheimlichen Erscheinung bewaffnete ich mich mit meinem Fotoapparat, weil der zur Eigenverteidigung besonders geeignet ist, denn den scheuen sowohl die Gnome als auch die riesigen Waldtrolle. Oder hat schon jemand ein Trollfoto aus der Natur gesehen? Und sollte ich vielleicht die Gelegenheit bekommen der Erste zu sein, dem solch Unmögliches gelingt!?
Während ich aus der Tarnung der Staubwolke zum Hechtsprung in den Straßengrabe ansetzte, kam es mir komisch vor, dass der Straßenverkehr ungerührt weiter lief. Gerade noch rechtzeitig fiel mir ein, dass ich gar nicht in Deckung zu gehen brauchte, weil – irgendwo hatte ich es gelesen – Trolle sich nicht jedem zeigen. Aber mich hatten sie ja quasi bereits ins Herz geschlossen. Außerdem wäre es eine Härte gewesen durch den Schafdünger robben zu müssen. So torkelte ich lediglich aus dem Auto, was für diese Tageszeit vermutlich ebenfalls sehr ungewöhnlich war und näherte mich mannhaft aufrecht der oder den Erscheinungen hinter dem inzwischen flimmernden Luftvorhang, da die Sonne geradewegs durch das Ozonloch schien. Es waren wohl zwei übermannshohe Kerle. Alles an ihnen schien zu wackeln, als ob sie aus Götterspeise bestünden. Deutlich war bei dem Vorderen das Gesicht zu erkennen. Mal grinste er freundlich, mal hämisch. Die Mimik änderte sich ständig wie in einem Zerrspiegel. Je näher ich kam, umso deutlicher sah ich die Warzen und den Schorf auf der Lederhaut. Die Körper waren mit knotigen und knorrigen Wucherungen übersät und die Gliedmaßen standen unnatürlich verrenkt ab.
Ich stolperte mehr durch das Gras und über die Steine, als ich lief. Erneut winkte mir einer zu. Kein Zweifel, er meinte mich und sah mit trübem Blick direkt durch mich hindurch. So musste es sich anfühlen, wenn einem in Hypnose ein Dolch in die Brust gerammt wird. Mir stockte der Atem und die Beine knickten ein. Plötzlich drehte sich der Himmel über mir in komisch blauem Licht, ich wurde schwerelos und schlug, ehe ich weiter nachdenken konnte, auf der Wiese mit dem Fotoapparat in der hochgereckten Hand auf. Ich lag zu Füßen eines Trolls. Aber es roch weder nach Schwefel, noch nahm ich
Mundgeruch war. Auch das blaue Licht war verblasst. Beinahe
in Trance machte ich ein Foto und fand mich beim Klicken des
Auslösers schlagartig im Leben wieder.
Unter mir rollten die
Autos, die Schafe bimmelten immer noch und vor mir stand „noe“,
dass ich vorher als Missbildung eines Baumes bezeichnet hätte.

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Ich erhob mich mit zittrigen Händen und sah jetzt, dass mir ein
flacher Stein mit einem schwarzen Haufen darauf, der eigentlich
als Kügelchen den Schafdarm hätte verlassen sollen und dann
vom Stein gekullert wäre, zum Verhängnis geworden war.
Was blieb ist eine tiefe Verunsicherung und ein Foto, in dem ein
echter norwegischer Troll steckt. Wie gesagt, ich bin ein eher
rationaler Typ.

 

G.K.