Kjerringa til trollet

© G. Kiesel 2008 Ein Fachbeitrag zur Anregung über einen Tabubruch mit der herrschenden Meinung über die ungeschlechtliche Vermehrung der Trolle Tatsächlich fand ich bisher weder in der figürlichen Darstellung der naturverbundenen norwegischen Landbevölkerung noch in der einschlägigen Fachliteratur und

Kjerringa til trollet

© G. Kiesel 2008

Ein Fachbeitrag zur Anregung über einen Tabubruch mit der herrschenden Meinung über die ungeschlechtliche Vermehrung der Trolle

Tatsächlich fand ich bisher weder in der figürlichen Darstellung der naturverbundenen norwegischen Landbevölkerung noch in der einschlägigen Fachliteratur und schon gar nicht
in den geschmacklosen bis fantasievollen Trollfiguren der Souvenirläden ernsthafte Hinweise auf weibliche Trolle. Das ist umso erstaunlicher, da martialische Trolldarstellungen überwiegen. Warum und wem wollen sie so imponieren oder Angst machen? Den Touristen? Oder steckt mehr dahinter? Diese Fragen kamen mir allerdings erst in Vorbereitung auf diesen Beitrag.
Dankenswerterweise durfte ich bereits zurückliegend an dieser Stelle an die Öffentlichkeit treten. Meine Trollbeobachtung stieß auf eine so breite positive Resonanz, dass ich mich ermutigt fühlte systematischere Feldbeobachtungen anzustellen deren Ergebnis ich nachvollgend vorstelle.
Ich möchte allerdings vorwegnehmen, dass eine streng rationale Vorgehensweise in diesem Zusammenhang wenig ziel führend ist. Nach meinen bisherigen Erfahrungen bedarf es vielmehr übersinnlichen Wahrnehmungsvermögens, gepaart mit einer festen inneren Überzeugung und krankhafter Liebe zur norwegischen Natur. Man darf krankhaft nicht falsch verstehen. Darin steckt die Fähigkeit körpereigene Signale aus dem vegetativen Nervensystems wahrzunehmen und zu verstehen. Verkürzt heißt das nichts anderes als z. B. mit einem Wurzelstock, Stein oder Baum auch unterhalb der 0,5 Promillegrenze kommunizieren zu können.
Die damit verbundene Schwierigkeit besteht jedoch nicht nur im Erlernen dieser Fähigkeiten durch regelmäßiges Training, sondern auch in einer Reizüberflutung bei den doch meist eher kurzen Studienaufenthalten oder Felduntersuchungen im Trollgebiet. Das führt nicht selten bis an die körperlichen Grenzen. Womit auch klar ist, dass eine Grundfitness unerlässlich ist. Um die Wahrnehmungen besser differenzieren zu können entschloss ich mich in diesem Jahr meine Feldforschung in höher gelegene Gebiete, so um die 1000 m. o. h. zu verlegen. Ich wählte dazu ein Gebiet aus, das annähernd durch die Stadt Røros im Osten, Dombås im Süden, Sunndalsøra im Westen und Oppdal im Norden eingegrenzt wird.
Untersuchungsschwerpunkte waren das Grådal südlich Røros (durch wunderbar sanfte eiszeitliche Kiesablagerungen geprägt), das Einunn – und Grimsdal an der östlichen Grenze zum Dovre-Nationalpark bzw. zwischen diesem und dem Rondane-Nationalpark gelegen sowie Litle- bis Eikesdal an der Westgrenze des Untersuchungsgebietes.
Wie immer begleitete mich meine Frau bei der oft beschwerlichen Suche, wofür ich ihr zu Dank verpflichtet bin.
Leider gelang es uns auch dieses Mal nicht die letztgenannten Täler und das dazwischen gelegene Hochland der Seljefonne nebelfrei zu erleben. Auch im Grådalen kam es zu starken Sichteinschränkungen wegen ergiebigen Regens, so dass keine auswertbaren Ergebnisse vorliegen. Beste Wetterbedingungen herrschten Dagegen sowohl im Grims- als auch Einunndalen. Dennoch erwies sich das Grimsdalen als völlig unergiebig an Anhaltspunkten auf Trolle. An den traditionellen Almwirtschaften und daraus resultierender Beweidung kann es jedoch nicht gelegen haben. Diese Nutzung prägte und prägt auch das Einunndal.
Die Jahreszeit mit dem Übergang vom August zum September war jedenfalls optimal. Touristen traf man nur noch vereinzelt, die Fjelle begannen sich herbstlich zu verfärben und das Licht- und Schattenspiel von Wolken, Sonne und Regenschauern hauchte dem englischen Rasen Leben ein und gab der Landschaft Tiefe.
Die Jagdsaison auf Rene hatte gerade begonnen, was aber unsere Nachforschungen erst am Ende des Einunndals beeinträchtigte, weil wir uns zu unserem Erschrecken plötzlich von waffenstarrenden grünen Männern in Geländefahrzeugen umzingelt sahen. Gleichwohl wir ausschließen konnten nicht in russisches Grenzgebiet geraten zu sein, war nicht mehr damit zu rechnen unsere Mission hier ein erfolgreich zu Ende zu bringen. Nicht genug, dass Schafe, Ziegen und Rinder entlang des Flüsschens Einunna Unruhe verbreiteten, hetzten die Jäger jetzt eine Herde Rene über die Berge. Die meisten verfolgten das Spektakel jedoch per Fernglas von der Straße aus.
Einer war auch schon zum Schuss gekommen. Der abgehackte Geweihträger ließ den Jäger vor Stolz fast platzen.
Im Grunde genommen hatten wir zu tun nicht unter die Hufen der Rene oder vor die Flinten der Jäger zu kommen.
Erschwerend nahm immer wieder eine Schauerwand die Sicht, auch wenn die Sonne auf der gegenüberliegenden Talseite einen Regenbogen zauberte. Die Chance Trollspuren zu finden war also immer noch da. Wir spürten sogar Schneehühner auf, was für unsere intensive Suche sprach. Schweren Herzens mussten wir uns angesichts der fortgeschrittenen Tageszeit letztendlich doch zur Weiterfahrt entschließen. Und das war gut so, denn der nächste lokale Platzregen erwischte uns als wir bereits den letzen Höhenzug aus dem Tal heraus erfahren hatten. Man konnte die sprichwörtliche Hand vor der Windschutzscheibe nicht erkennen. Wegen der gebotenen vorsichtigen Fahrweise konnte mein Blick unbewusst zur linken Seite schweifen. Und gerade in diesem Moment huschte ein verschwommener roter Fleck durch mein Blickfeld. Noch bevor ich scharf stellen konnte wurde er von Regenschleiern verschluckt. Sofort reagierten meine Reflexe und das vegetative Nervensystem sprang an. Es kostete mich dennoch unendliche Mühe, den rechten Fuß in der Luft zu halten und nicht aufs Bremspedal sausen zu lassen. Das Auto rollte weiter, als wäre nichts geschehen. Meine Frau nahm nicht einmal die Füße vom Armaturenbrett, während dessen sich mein Körper in hellem Aufruhr befand. Allein die Zufälligkeit dieser Begegnung sprach Bände…
Der Regen war eine perfekte Tarnung, so dass ich getrost hinter der nächsten Biegung halten und auf das Ende des Schauers warten konnte. Während meines Militärdienstes im Anpirschen ausgebildet, fiel es mir leicht mich bis an die bewusste Stelle zurückzuschleichen. Allerdings spürte ich genau, dass ich schon lange nicht mehr unsichtbar war. Für mich stellte sich lediglich die Frage, wie er es anstellen würde, sich auf dieser freien Fläche zu tarnen.
Mit dem Fotoapparat im Anschlag sprang ich hoch und drückte ab und mir blieb der Mund offen stehen – ei kjerring. Als meine Frau dazukam, hatte sich meine Erstarrung bereits gelöst. Es war wie verhext! Ich hätte vielleicht noch fünf Minuten gebraucht. Mir war völlig klar, dass sie nicht dasselbe sah wie ich. Wie sollte ich jetzt herausfinden ob das Objekt meiner Begierde (streng wissenschaftlich gesehen) weiblich war? Meine Erziehung war einfach zu gut um das in ihrer Gegenwart zutun.
Im Nachgang bin ich allerdings froh, dass ich die Schamgrenze nicht überschritten habe. Auch der Forschergeist muss der Natur und deren Kreaturen Respekt zollen!
Unbeschadet des Fehlens des allerletzten Beweises über die Existenz weiblicher Trolle, sollte dieses Beweisfoto allerdings Anlass sein, die Lehrmeinung zu überdenken. Wenn die Vermehrung der Trolle sowohl durch Knospung oder Jungtriebe als auch durch Teilung möglich ist, warum soll im Einklang mit der Natur nicht auch eine geschlechtliche Fortpflanzung mit allen Konsequenzen in Erwägung gezogen werden?

G. K.