Höflich vs Unhöflich – oder Können wir jetzt endlich den Kuchen anschneiden?

Verfasst am 09.10.2014 | Abgelegt unter Kultur / Architektur / Design, Leben in Norwegen

Meine Norweger hier scheinen das Gefühl zu haben, dass die Außenwelt sie als unhöflich empfindet. Die Sprache kommt immer mal wieder darauf. Und das passt natürlich prima zu meinem Interesse an Kultur und dem Vergleich verschiedener Gesellschaften und Kulturen.
Sicher haben Norweger in mancherlei Hinsicht eine andere Auffassung zu höflich oder unhöflich, aber das bedeutet nur, dass sie ein eigenes Konzept von Höflichkeit haben. Das bedeutet nicht, dass sie gar keins haben. Nur dann könnte man sie als unhöflich bezeichnen. Aber sie haben sehr wohl in gewissen Situationen das Gefühl, dass sich jemand unhöflich benimmt. Zum Beispiel wenn jemand jemandem ins Wort fällt. Wenn man sie als unhöflich bezeichnen würde, weil sie nicht in allen Situationen das gleiche Höflichkeitsempfinden haben, würde man das eigene Konzept von Höflichkeit über ihres stellen. Und dann hätte ich schon gern eine Definition des einen, richtigen Höflichkeitskonzeptes.
Boah, ich bin heute aber defensiv! Naja, mag es nicht, wenn sie sich so unterbewerten. Trotzdem das Thema ist spannend. Also: Was ist mir also aufgefallen? Was empfinde ich als anders?
Was mir in jedem Fall immer wieder auffällt ist, dass sie sehr viel längere Pausen in Gesprächen aushalten. Als Deutscher wird man, denke ich, schneller unruhig und sucht nach einem neuen Thema. Es handelt sich hier nur um Sekunden, aber es ist spannend zu trainieren, selbst ruhiger zu werden.
Komisch finde ich, dass niemand Gesundheit sagt, wenn jemand niest. Es gibt zwar ein Wort dafür (prosit), aber nachdem mir jemand erklärt hat, dass man das nur für kleine Kinder nimmt, benutze ich das auch nicht. Ich sag jetzt einfach Gesundheit auf Deutsch. :D Ein weiteres Wort, was hier doch etwas unter den Tisch fällt ist Bitte (vær så god). Aber da hab ich den Verdacht, dass es darunter leidet, dass es doch sehr lang geraten ist. Denn Danke (takk) höre ich dann doch schon öfter.
Besonders lustig war letztens die Kuchen-Diskussion. Ich hatte Besuch aus Deutschland und wir waren bei einem Kollegen eingeladen. Nun wollte auf einmal keiner den Kuchen anschneiden, weil wir es gewohnt sind, dass der Gastgeber das tut und meine Norweger die Gäste anfangen lassen. Das musste erstmal aufgeklärt werden. Jeder nimmt sich hier einfach soviel vom Kuchen, wie er will, während wir eben den Kuchen in gleiche Stücke schneiden. Und dann kam die gute Frage, wie das denn in Deutschland ist, wenn viele verschiedene Kuchen da wären. Ob man dann alle durchprobiert und wie man das denn schaffen sollte? Aus tiefster Überzeugung und bierernst kam dann meine Antwort: Natürlich werden alle Kuchen probiert. Wartet, bis ihm mal bei uns eingeladen seid! :D Und wenn einem der Kuchen nicht schmeckt? Antwort: Pech gehabt! Ab dem Moment mussten wir alle lachen und haben endlich angefangen den Kuchen rumzureichen – auf die norwegische Art. Übrigens ist es beim Essen immer so: Die Gäste fangen an und nehmen sich selbst. Es wird nicht ausgeteilt.
Das Händeschütteln ist auch immer wieder so ein beliebtes Thema. Manche Leute machen das in Deutschland wohl jeden Morgen, wenn sie ins Büro oder wohl auch ins Lehrerzimmer kommen. Das ist mir nun auch noch nicht so bewusst gewesen, aber das ist mir nun von mehreren Quellen bestätigt worden.
Und nun mein liebster kultureller Unterschied. Der hat eigentlich nicht direkt mit Höflichkeit zu tun. Aber ich denke, er ist so ein Beispiel dafür, was einige Norweger als manchmal distanziert erscheinen lässt und es ist genau das, was vielleicht manche als unhöflich empfinden. Sie sind es sehr viel weniger gewöhnt, dass man sie in den Arm nimmt. Auch hier gibt es Ausnahmen, aber der Rest wird von mir regelmäßig gezwungen. Hmmm… bin ich da jetzt eigentlich unhöflich? Ach Quatsch! Wir müssen die kulturellen Unterschiede schon ein bisschen pflegen und zelebrieren.

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(c) Reinhard Pantke

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Wusstest du schon, dass
… der Hornindsvatn mit 514 m der tiefste See Europas ist?

Zitat:
„Was für ein Land, meine Heimat! Schneebedeckte Berge und der Geruch nach Heide und Moor. Eine frische Brise, die über kristallklares Wasser heranweht, von Fjorden, die sich in die verstecktesten Winkel schlängeln. Wo im Sommer die Sonne nie verschwindet, gerade nur den Horizont berührt, bevor sie wieder aufsteigt und ihre Bahn über den Himmel zieht.“ (Liv Ullmann, *1938, aus: Wandlungen)

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