Barnevernet – Kinderschutz in Norwegen

Verfasst am 01.06.2017 | Abgelegt unter Gesellschaft / Leben in Norwegen, Politik / Wirtschaft / Wissenschaft

Barnevernet (der Kinderschutz) ist das norwegische Amt zum Schutz von Kindern und Jugendlichen, entspricht also am ehesten dem deutschen Jugendamt. Es arbeitet auf Grundlage des Kinderschutzparagrafen (barnevernloven), der 1992 und 2000 Anpassungen und Reformen erfuhr. Das Amt ist kommunal organisiert. Sehr ähnliche Strukturen finden sich auch in den skandinavischen Nachbarländern.

Da das Barnevernet in den letzten Jahren einiges an nationaler und internationaler Kritik hinnehmen musste und momentan gerade ein kritischer Bericht, der auf Arte gezeigt wurde, in den sozialen Medien diskutiert wird, möchte ich einmal die Situation versuchen zu analysieren. Soweit dies überhaupt möglich ist. Ich habe dazu 17 Bekannte befragt, in Norwegen lebende Deutsche und Norweger, und versucht geeignete Statistiken zu finden und zu vergleichen.

Die Ausgangslage

Das Barnevernet ist in jeder Kommune zu finden und wird von dieser lokal verwaltet. Das Amt ist nicht auskunftspflichtig und wird auch von Politikern als geschlossenes und wenig einsehbares System beschrieben. Allerdings sind die herausgegebenen alljährlichen Statistiken sehr präzise und deutlich detaillierter als die deutschen. Ein wesentlicher Unterschied zum deutschen System ist, dass in Deutschland Elternrecht vor Kinderrecht gilt, in Norwegen dies jedoch genau umgekehrt ist. Beide Systeme haben sichtbare Fehler. Einer scheint mir, dass in Deutschland teilweise aus Rücksicht auf die Eltern zu langsam, in Norwegen hingegen zum (angeblichen) Schutz der Kinder zu (vor-) schnell gehandelt wird. Ein Mittelweg würde beiden Ländern gut tun.
Ein Fall beim Barnevernet startet meist mit einer bekymringsmelding (Besorgnismeldung). Diese können alle Bürger, auch anonym, einreichen. Der Großteil wird jedoch von Schulen, Kindergärten, der Polizei und dem Barnevernet selbst erstellt. 

Wie mir Freunde glaubhaft berichten konnten, gibt es nun in Norwegen durchaus belegbare Fälle in denen absolut falsch und zu schnell entschieden wurde. Dies ist für die Betroffenen eine äußert schlimme Erfahrung und ein Vertrauensverlust ersten Ranges. Klar ist natürlich, dass dort wo Menschen Entscheidungen treffen, es auch zu Fehlentscheidungen, ja sogar zu Machtmissbrauch kommt. (Dies dürfte alle Länder betreffen.) Daraus resultierend ist nun des weiteren zu hören und zu lesen, dass das Barnevernet grundsätzlich seine Stellung ausnutzt. Zitat: „Bist du einmal in das Visier des Barnevernet geraten, sind die Kinder so gut wie weg.“ – „Fast jeder in Norwegen lebende kennt jemanden, der mit dem Barnevernet schon schlechte Erfahrungen gemacht hat.“ Beide Aussagen sind jedoch weder durch Statistiken noch durch meine Interviews verifizierbar. Fakt ist lediglich, dass viele Fälle, die als negative Beispiele herangezogen werden, absolut nicht belegbar sind. Da das Barnevernet zum Schutz der Kinder Schweigepflicht hat, wird man bei all diesen Fällen nur eine Seite hören, nämlich die der Betroffenen, was ein äußerst schiefes Bild abgibt. Ich zitiere da einen Freund, der gute Erfahrungen mit dem Barnevernet machte: „Frag doch mal einen Taschendieb ob er etwas in der Tasche hat. Er wird es leugnen.“ Tatsache hingegen scheint, dass das Barnevernet in einigen Fällen zu hart und wenig sensibel durchgriff, z.B. die Kinder einfach aus der Schule oder dem Kindergarten abholte und einzog. Auch gibt es belegte Fälle von Kompetenzüberschreitung, die rechtlich nicht geahndet wurden. Zitat eines Bekannten: „Es gab mal einen Bericht, demnach die meisten Mitarbeiter regelmäßig gesetzliche Grenzen überschreiten.“ Hier muss die Handlungsweise des Amtes absolut kritisch hinterfragt werden.
Zudem scheint es eine Überbesetzung des Amtes in einigen Kommunen zu geben. In einem mir bekannten Fall gibt es für 2300 Einwohner allein 5 Barnevern-Vollzeitmitarbeiter. 

Die harten Fakten

Immer wieder ist nun die Kritik zu hören, das Barnevernet sei deutlich strenger und rigoroser als das deutsche Jugendamt und würde die Kinder massenweise in Heime und Pflegefamilien stecken.

„Am besten wäre es da, Statistiken zu vergleichen, ob mehr Kinder aus Familien herausgeholt werden, als in Deutschland.“, riet mir daraufhin eine Bekannte, die selbst in Norwegen wohnt, drei Kinder hat und das Barnevernet wie die meisten anderen von mir Befragten nur vom Hörensagen kennt.

Ich habe nun Deutschland mit Norwegen verglichen, auf Grundlage dieser Statistiken: Statistik Deutschland, SpiegelBarnevern. Die Zahlen gelten für das Jahr 2015.

In Deutschland gibt es 12,91 Millionen Kinder zwischen 0 und 18 Jahren, in Norwegen 1,11 Millionen. In Pflegefamilien oder in Heimen leben in Deutschland 1,084 % dieser Kinder zwischen 0 und 18 Jahren (140.000). In Norwegen können Kinder und Jugendliche zwischen 0 und 22 (!) Jahren in Heimen und Pflegefamilien leben. Der Altersbereich von 0 bis unter 22 Jahre umfasst in Norwegen 1,31 Millionen Kinder und Jugendliche. Von diesen leben nun 1,134 % (14.846) außerhalb der eigenen Familie. Die Statistiken geben keine Auskunft darüber, wie viele Kinder davon Waise sind.
Die Zahlen stiegen in Deutschland zwischen 2005 und 2014 um 87 % an, in Norwegen zwischen 2005 und 2015 um 64 %.
In Deutschland gab es 2015 129.000 Meldungen an das Jugendamt, in Norwegen waren es im gleichen Jahr 44.000 bearbeitete Fälle. In Deutschland wurden in 68,4 % der Fälle (88.200) Maßnahmen eingeleitet, in Norwegen in 40 % der Fälle. In Deutschland existiert keine genaue Angabe darüber, wie viele Inobhutnahmen es gab. Wenn ein Fall jedoch mit „äußerst gravierend“ beschrieben wird, gehe ich davon aus, dass die Kinder auch in Obhut genommen wurden. Insofern kann man von einem Anteil von 16 % an den gemeldeten Fällen ausgehen. Dieser Anteil ist in Norwegen genauso hoch, also auch 16 %.
In Norwegen ist nun anteilig gesehen die Zahl der an das Amt gemeldeten Fälle rund 3x höher als in Deutschland, die Zahl der Fälle, in denen dann auch wirklich Maßnahmen eingeleitet wurden rund 2x höher. Die einwohnerbereinigte Zahl der tatsächlich vom Barnevernet oder dem Jugendamt in Obhut genommenen Kinder ist in beiden Ländern jedoch nahezu gleich.
In Norwegen leben 78 % der Kinder im Waisenhaus, 8 % in Kinderschutzeinrichtungen (vermutlich Pflegefamilien) und 14 % in einer eigenen Wohnung.
Interessant ist der Anteil der Hilfsbedürftigen. Die meisten Kinder, die in Deutschland Hilfe erhielten, nämlich 23,4 %, waren 0 bis 3 Jahre alt. Die geringste Hilfestellung erfuhren Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren (16,8 %).
In Norwegen stellt sich die Situation genau umgekehrt dar. Der höchste Anteil (51 von 1000 Kindern) lag in der Altersgruppe von 13-17 Jahren, der geringste Anteil bei 0-2-jährigen (19 von 1000 Kindern). Knapp 4 % aller Kinder und Jugendlichen erhielten 2015 in Norwegen Hilfe vom Barnevernet. Für Deutschland konnte ich keine Angabe finden.

Nach der Analyse der Daten musste ich zudem feststellen, dass die eingangs angesprochene Arte Dokumentation über das Barnevernet meiner Meinung nach einige statistische Fehler enthielt. Zahlen wurden deutlich höher angegeben, als sie die Statistik wiedergibt.

Fazit

Dieser Tage hörte ich von einer Norwegerin, die sich bitter über das Barnevernet beschwerte. Ich erfuhr, dass das Amt wohl zu wenig reagierte.
Ich denke, öffentliche Institutionen wie das Jugendamt stehen immer in der Schusslinie. Mal reagieren sie zu schnell, mal zu langsam. Es ist und bleibt eine Gratwanderung.
Im Falle des Barnevernet habe ich den Eindruck, dass dieses oft zu übereifrig ist und gerne mal weit und voreilig über das Ziel hinaus schießt. Frei nach Goethes Faust, nur mit umgekehrten Vorzeichen: Man ist ein Teil von jener Kraft, die das Gute will und teils das Böse schafft.
Andererseits gibt es da auch den „Tysfjord-Skandal“. In der Gemeinde Tysfjord waren über Jahre hinweg Übergriffe auf Kinder von Sami an der Tagesordnung.
Das norwegische Jugendamt muss also auch streng und schnell sein, damit sich solche Fälle nicht wiederholen können.
Erfahrungen mit dem Barnevernet und Untersuchungen zeigen, dass eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Barnevernet sehr abhängig von den einzelnen Personen ist. Und zwar sowohl von den Mitarbeitern, als AUCH von den Betroffenen.

Ein weiterer Barnevernet-Aspekt ist nun, dass in einigen Kreisen vom Handel mit Adoptivkindern die Rede ist, vor allem mit solchen anderer Nationalität, die, in norwegischen Familien lebend, „vernorwegisiert“ werden sollen. Eine Grundlage für diese Behauptung ist, dass Pflegefamilien eine sehr gute finanzielle Unterstützung erhalten. Ein blühendes Geschäft mit Kindern also.
Diese Behauptungen lassen sich statistisch in keinster Weise belegen. Degen spricht auch, dass der Hauptunterstützer dieser Theorien, der ehemalige Anwalt Marius Reikerås, selbst zahlreiche Lügen in die Welt gesetzt hat, Kunden betrog und zudem in engem Kontakt zu zahlreichen Verschwörungtheoretikern steht. (Quelle) Da es Norwegen mit dem Kinderschutz nun extrem genau nimmt, darf man sich zudem die Frage stellen, unter welcher extremen Beobachtung nun Adoptiveltern stehen? Diese wird gewiss nicht gering sein.

Welches Verständnisproblem sich übrigens nun zwischen Norwegen, mit einem fast übertriebenen Schutzbedürfnis, und vor allem osteuropäischen Ländern, wo der Kinderschutz oft nur sehr gering gesetzlich verankert ist, ergeben kann, zeigt dieser Beitrag. Demnach ist körperliche Züchtigung 50 % der Litauer nicht fremd. In Norwegen ist diese jedoch auch in geringster Ausprägung („Klaps auf den Po“) strengstens untersagt. Trotzdem, es sind nur 12 Fälle bekannt, bei denen litauischen Gastarbeitern, von denen es Zehntausende in Norwegen gibt, Kinder weggenommen worden. Selbst der litauische Außenminister spricht da von Einzelfällen.
Trotzdem, der Europarates übte diesbezüglich Kritik an Norwegen und rät dazu gerade bei Einwanderern, wie z.B. Sinti und Roma, mehr auf deren soziale und kulturelle Herkunft zu achten und gezielter in und mit den Familien zu arbeiten. (Quelle)

Übrigens, das norwegische System ist sehr ähnlich dem schwedischen. Da die Statistiken und Methoden auch in Finnland und Dänemark denen Norwegens ähneln, kann man durchaus vom skandinavischen System des Kinderschutzes sprechen, das Vor- aber eben auch Nachteile mit sich bringt.

Zum Abschluss ein Zitat von einem Bekannten, der schon Kontakt zum Barnevernet hatte:

„Wenn die Kinder auf die Schule gehen und normaler sozialer Kontakt vorliegt, dann kommt es zwar mglw. zu einem Gespräch, weil ein besorgter Mensch beim Amt anruft, wenn das Kind mit Schokolade um den Mund allein (!!!) auf dem Rasen spielt, aber das Kind wird einem nicht weggenommen. Da gehört VIEL dazu (auch hier in Norwegen) bis das passiert. So ein Debakel wie mit den Sami- oder Tysker-kindern (Debakel von heute aus betrachtet, nicht aus der damaligen Sicht) wollen die hier nicht wieder.“
„Gerade MIT Kindern sollte man in Norwegen leben, einfach weil sich Beruf und Familie hier viel besser vereinbaren lassen.“

Nachtrag vom 25.06.2017:
Laut einer UNICEF-Studie geht es Kindern in Norwegen am besten. Deutschland landet auf Platz zwei.

Norwegeninfos:

Norwegen auf Amazon – Bücher, Bekleidung, Fahnen, Aufkleber.

Norwegische Impressionen

(c) Reinhard Pantke

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Vermischtes

Wusstest du schon, dass
… … es in Norwegen über 22.700 Brücken gibt?

Zitat:
„Was für ein Land, meine Heimat! Schneebedeckte Berge und der Geruch nach Heide und Moor. Eine frische Brise, die über kristallklares Wasser heranweht, von Fjorden, die sich in die verstecktesten Winkel schlängeln. Wo im Sommer die Sonne nie verschwindet, gerade nur den Horizont berührt, bevor sie wieder aufsteigt und ihre Bahn über den Himmel zieht.“ (Liv Ullmann, *1938, aus: Wandlungen)

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