Das Problem mit der Maut

Verfasst am 08.09.2018 | Abgelegt unter Gesellschaft / Leben in Norwegen, Politik / Wirtschaft / Wissenschaft

In den letzten Tagen und Wochen entzündete sich an der aktuellen Mautsituation Norwegens wieder einiger Unmut. In der Kritik stehen dabei sowohl die wie Pilze aus dem Boden schießenden neuen Stationen, als auch die Preisentwicklung. Immer häufiger und immer stärker wird zur Kasse gebeten. Einige hundert Protestierende in verschiedene Regionen verweisen darauf, das dies vor allem ärmere Bevölkerungsschichten und Familien hart trifft.

Die Aktionen richten sich meist nicht gegen Mautgebühren generell. Dass diese zum Ausbau des Verkehrswegenetzes notwendig sind, scheint mittlerweile sogar die rechtspopulistische Fortschrittspartei begriffen zu haben.

Wie konnte es dazu kommen?

Norwegen ist ein topographisch und sozialgeographisch äußerst kompliziertes Land mit einer weltweit nahezu einmalig ungünstigen Mischung. Hohe Berge, enge Täler, breite, unüberwindliche Fjorde, eine sehr niedrige Bevölkerungsdichte, bei starker Zersiedlung als Folge der Politik der 1960er Jahre, hohen Löhnen und einem verhältnismäßig sehr großem Verkehrswegenetz, gepaart mit zahllosen Wetterunbilden, führen zu einer brisanten Gesamtsituation und in der Folge zu sehr hohen Kosten beim Straßenbau. Zudem ist beim Bau von Tunneln, Brücken oder auch nur breiteren Straßen ein hohes Maß an Ingenieurleistungen von Nöten.

Eine gute Anbindung der einzelnen Landesteile und der Ausbau des Straßennetzes in den Ballungszentren wird von nahezu allen Menschen des Landes gewünscht, ja nahezu gefordert.
Um nun Norwegen erschließen zu können, ist die Investition gewaltiger Summen von Nöten. Für das Stemmen der Kosten ist Maut unabdingbar, was mittlerweile parteiübergreifender Konsens ist.
Das Problem ist jedoch die massive Zunahme der in die Wege geleiteten Bauprojekte bei gleichzeitiger Kostenexplosion, als Folge gestiegener Baukosten und weniger Nutzern. Denn: Eine Mautgebühr verlangt nach vielen Zahlenden, sonst lohnt es sich nicht. Da zur Förderung alternativer Antriebe die zahllosen Elektroautos kostenlos passieren dürfen, kommt es zu Umsatzeinbrüchen. Bittet man nun deren Halter zu Kasse, sind die Vorteile bald dahin, was wiederum zu Verkaufseinbrüchen bei Elektrofahrzeugen führen kann. Auch ein Ausbau des Nahverkehrsnetzes führt am Ende zu weniger Selbstfahrern und damit zu Umsatzverlusten.

Lösungen?!

Ein bekannter Vorwurf ist, dass in den letzten Jahren zu wenig investiert wurde und sich nun die Bauprojekte „stapeln“. Ob dies stimmt, müssten am Ende Finanzexperten klären. Fakt ist hingegen, dass die Investition in den Verkehr seit Jahren das Doppelte der schwedischen Summe beträgt, bei halber Einwohnerzahl.

Politikern Unfähigkeit vorzuwerfen, halte ich für eine wenig sinnvolle Reaktion. Neue Denkrichtungen und eine Überarbeitung alter Pläne anzuregen ist jedoch nicht verkehrt. Die explodierenden Kosten müssen zu einem Umdenken führen, denn ab einem bestimmten Punkt ist die Belastung für die Bevölkerung zu groß. Daher sind Proteste wichtig, um den Druck bei der aktiven und ernst gemeinten Suche nach Alternativen zu erhöhen.

Doch wie könnten Lösungen aussehen? Einfach mehr Ölgelder für die Straßenfinanzierung zu nutzen ist ökonomisch nicht sinnvoll. Warum das so ist, habe ich auf dieser dieser Seite versucht zu erläutern. Außerdem habe ich hier mal analysiert, wie es zu der heutigen Verkehrswegesituation kam.

Vielleicht liegt der Lösungsansatz in einem gesunden Mix. Großprojekte, wie der Ausbau des Stammwegenetzes, sollten weiter vorangetrieben werden. In verdichteten Räumen sollte hingegen auf einen kostspieligen Ausbau des Wegenetzes verzichtet werden. Hier kann die Lösung nur in einem massiven Ausbau des Nahverkehrs liegen, mit umfassenden und günstigen Angeboten. Auch ergeben sich durch E-Bikes in bergigen Regionen neue, bequeme Transportalternativen.

Derzeit wird tatsächlich das Radwegenetz in den meisten norwegischen Städten stark ausgebaut und Radfahren erheblich gefördert. Hier sollten weitere Anstrengungen unternommen werden. Auch ist es derzeit politischer Konsens, dass Städte weiter verdichtet werden und es nicht zu einer weiteren Zersiedlung des Raumes kommt. Dies hilft, effektive öffentliche Nahverkehrssysteme zu schaffen, die möglichst vielen Menschen nutzen. Vielleicht könnte auch eine einkommensabhängige Mautpauschale helfen. Touristen wären verpflichtet, eine Vignette zu erwerben.

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