Norwegen vs Schweden – Zwei unterschiedliche Strategien in der Corona-Krise

Verfasst am 03.04.2020 | Abgelegt unter Politik / Wirtschaft / Wissenschaft

Norwegen und Schweden sind kulturell eng verbunden. Man lebt ähnliche Strategien, die unter anderem auf dem Hygge-Prinzip beruhen.
Momentan, in der aktuellen Corona-Krise, verfolgen beide Länder Ansätze, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Norwegen

In Norwegen begegnete man der Krise zunächst mit zwar großen Ernst aber einer ebenso großen Zögerlichkeit. Ich persönlich erlebe die Norweger jedoch immer als ein recht kritisches Volk und so war es wohl auch nicht verwunderlich, dass recht schnell Forderungen nach strengeren Maßnahmen deutlich vernehmbar wurden. Die Politik, die vom Gesundheitsamt (Folkehelseinstituttet, fhi) beraten wird, folgte kurzerhand dem Vorbild Dänemarks, mit wenigen Tagen Abstand, und setzte Grenz- Schul- und Ladenschließungen recht umfassend um. Vom Virus nahezu verschont gebliebene Gemeinden und Regionen, vor allem im Norden des Landes, riegelten sich von anderen ab, um eine weitere Ausbreitung des Erregers im Land zu verhindern.
Der nächste Schritt war jedoch der schwerste. Von offizieller Seite wurde dazu aufgefordert, die Ferienhütten (hytter) des Landes nicht mehr aufzusuchen, um kleine Gemeinden bei eventuell anstehenden medizinischen Notfällen zu entlasten. Es rumorte in der Volksseele. Es ging nun ans Eingemachte. Vielerorts wurde das Verbot gebrochen, am Ende jedoch zähneknirschend mehrheitlich eingehalten.

Momentan gibt die Statistik den Maßnahmen recht. Die Fallzahlen steigen zwar weiterhin, aber langsamer als noch vor einer Woche. Die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen und die Todeszahlen bleiben gleich bzw. steigen nur sehr gering an. Vielleicht hat die umfassende Testaktivität und der damit vorhandene Überblick über mögliche Infektionsherde in Norwegen einen Anteil an dem momentanen Erfolg. Anteilig zur Bevölkerung ist Norwegen neben Südkorea, Deutschland und Island jenes Land, das die meisten Corona-Tests durchführt.

Die Gefahr besteht momentan in einem gewissen Übermut. Erste Geschäfte in Einkaufszentren sollen nun wieder geöffnet werden, wobei man strenge Sicherheitsvorkehrungen weiter walten lassen will. Ob es funktioniert, wird sich zeigen. Fakt ist, für eventuelle Experimente ist das Land zu schlecht aufgestellt. Die Anzahl an intensivmedizinischen Betten ist wie überall im Norden Europas viel zu gering, vor allem im Vergleich zu Deutschland.

Schweden

In Schweden ordnet man die Entscheidungen komplett den Expertengremien unter, in diesem Fall unter der Leitung des Epidemiologen Anders Tegnell.
Dieser möchte zwar einerseits auch eine möglichst flache Kurve beim Anstieg der Neuinfektionen erreichen, andererseits auch möglichst schnell eine Herdenimmunität aufbauen.

Es gibt dabei nun meiner Meinung nach drei übergeordnete, typisch schwedische bzw. skandinavische Prinzipien. Zweien folgt man bewusst, dem dritten eher unbewusst.

Zunächst ist da das grenzenlose Vertrauen der Bürger in den Staat und die Behörden. Die Ämter und Gremien sind wohlmeinend und werden all ihre Aktionen zum Wohlergehen der Bürger durchführen.
Das zweite Prinzip nennt sich lagom. Lagom ist typisch schwedisch. Alles muss genau passend sein. Nicht zu viel, nicht zu wenig, sondern immer dem Mittelweg folgend. Dieses Prinzip führt direkt, allerdings mehr unbewusst, hin zum snillisme. Die „übertriebene Nettigkeit“ wurde in den 1970er Jahren vom Schweden Gisle Espolin-Johnson erforscht und später, in den 1990er Jahren, vor allem in Norwegen aufgegriffen. Snillisme besagt, dass Führungskräfte oder auch Behörden ihre Firma bzw. das Land in eine Krise steuern, indem sie wichtige, aber schmerzhafte, Entscheidungen umgehen, um niemanden (aus falsch verstandener Nettigkeit heraus) weh zu tun. Kurz, man versucht es allen recht zu machen. Im Falle Schwedens möchte man die Wirtschaft schonen, den Bürger schützen und ihm gleichzeitig alle Freiheiten weiter einräumen.

Dies hat nun zur Folge, dass die Einschränkungen, wie Versammlungsverbot ab 50 Menschen und Schließung von höheren Bildungseinrichtungen, eher moderat sind und man ansonsten an den gesunden Menschenverstand appelliert.
Meiner Meinung nach funktioniert das jedoch nur, wenn sich wirklich ALLE nahezu sklavisch an die Vorgaben halten und gleichzeitig an zielführenden Lösungsstrategien zur Eindämmung des Virus gearbeitet wird. Und genau das sehe ich in Schweden nicht.

Zwar sind die Straßen leerer als noch vor einigen Wochen, es kursieren aber im Netz genügend Bilder von Menschenansammlungen und vollen Cafés in den Großstädten.
Corona-Tests werden nur vergleichsweise wenige durchgeführt (weniger als halb so viele wie in Norwegen), wodurch nur eine ungenügende Übersicht über die Verteilung der Infektionsherde vorhanden ist. Die Ausbreitung von Infektionen in Alten- und Pflegeheimen konnte nicht verhindert werden, es gibt zu wenig Schutzkleidung für die medizinischen Angestellten, man rechnet mit einer Knappheit bei der Versorgung mit Medikamenten für die Intensivmedizin und auch die Anzahl an intensivmedizinischen Betten ist äußerst gering. Eine klare Strategie, außer der des Abwartens und Hoffens, ist nicht ersichtlich.

Die Folge: Momentan steigen die Infektionszahlen und leider auch die Todeszahlen in Schweden stark an. Von einer abgeflachten Kurve kann derzeit jedenfalls keine Rede sein.

Lobend ist hingeben vorzuheben, dass Schweden nun zwar deutlich mehr Arbeit vom den Angestellten in der Intensivmedizin abverlangt  jedoch auch den Lohn verdoppelt  Da kann sich wiederum Deutschland eine dicke Scheibe abschneiden.

Fakt ist jedoch auch, dass man sich in Norwegen keineswegs sicher sein kann, dass die eingeschlagene Strategie wirklich auf Dauer wirken wird. Vorsicht ist auch hier weiterhin geboten und auf Übermut angesichts stabiler Fallzahlen sollte tunlichst verzichtet werden. Ein Patentrezept für diese Krise gibt es nicht, nirgends.

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