Norwegische Märchen

Verfasst am 14.12.2018 | Abgelegt unter Geschichte & Ortsgeschichten, Mythologie / Sagen, Typisch Norwegisch

Peer Gynt

In alten Zeiten lebte in Kvam (im Gudbrandsdal) ein Schütze, der hieß Peer Gynt. Er lag beständig droben im Gebirge und schoß dort Bären und Elche; denn damals gab es auf dem Fjell noch mehr Wälder, und in ihnen hielt sich derartiges Getier auf.

Einmal, spät im Herbste, als das Vieh schon längst von den Bergweiden herabgetrieben war, wollte Peer Gynt wieder hinauf ins Hochgebirge. Mit Ausnahme von drei Sennerinnen hatten bereits alle Hirtenleute das Fjell verlassen. Als Peer Gynt die Høvring-Alm erreichte, wo er in einer Sennhütte übernachten wollte, war es schon so dunkel, daß er nicht die Hand vor Augen sehen konnte. Da fingen auf einmal die Hunde so wütend an zu bellen, daß ihm ganz unheimlich zumute ward, plötzlich stieß er mit dem Fuß an etwas, und als er es anfaßte, war es kalt und groß und schlüpfrig. Da er aber nicht vom Wege abgekommen zu sein meinte, konnte er sich gar nicht erklären, was das sein möchte. Aber es schien ihm nicht geheuer.

„Wer ist denn das?“ fragte Peer Gynt; denn er merkte, daß es sich bewegte.

„Ei, ich bin es, der Krumme!“ lautete die Antwort. Damit war aber Peer so klug wie vorher. Er ging nun eine Strecke daran entlang; „denn einmal muß ich doch daran vorbeikommen,“ dachte er.

Im weitergehen stieß er plötzlich wieder an etwas, und als er es befühlte, war es wieder kalt und groß und schlüpfrig.

„Wer ist das?“ fragte Peer Gynt.

„Ei, ich bin es, der Krumme!“ lautete abermals die Antwort.

„Ob du gerade bist oder krumm, du mußt mich doch weiterlassen,“ sagte Peer Gynt; denn er merkte, daß er im Kreise herumging und daß der Krumme sich ganz um die Sennhütte herumgeschlängelt hatte.

Bei diesen Worten bewegte sich der Krumme ein wenig zur Leite, so daß Peer Gynt an die Sennhütte gelangen konnte. Als er hineinkam, war es drinnen nicht heller als draußen. Er stolperte und tastete an den wänden umher; denn er wollte seine Flinte in die Ecke stellen und seine Jagdtasche ablegen. Aber als er so suchend umhertappte, fühlte er wieder jenes Kalte und Große und Schlüpfrige.

„Wer ist denn das wieder?“ rief Peer Gynt.

„Ei, ich bin es, der große Krumme,“ lautete die Antwort. Und wohin er auch faßte und wohin er den Fuß setzte, überall fühlte er den Ring, den der Krumme um ihn geschlungen hatte.

„Hier ist nicht gut sein,“ dachte Peer Gynt; „denn dieser Krumme ist sowohl draußen wie drinnen. Aber ich werde den Querkopf bald gerade machen!“ Damit nahm er seine Flinte, ging wieder hinaus und tastete den Krummen entlang, bis er den Kopf fand.

„Wer bist du denn eigentlich?“ fragte er.

„Ei, ich bin der große Krumme von Etnedal,“ sagte der große Trolls. Da legte Peer Gynt geschwind die Büchse an und schoß ihm drei Kugeln durch den Kopf.

„Schieß noch einmal!“ rief der Krumme. Aber Peer Gynt wußte es besser; denn wenn er noch einmal geschossen hätte, so wäre die Kugel auf ihn selbst zurückgeprallt.

Darauf faßten Peer Gynt und die Hunde fest zu und zogen den großen Troll aus der Hütte heraus, damit sie es sich darin bequem machen könnten, währenddessen lachte und höhnte es von allen Bergen ringsumher.
„Peer Gynt zog viel, aber die Hunde zogen mehr!“ ertönte es.

Am Morgen wollte Peer Gynt hinaus auf die Jagd. Als er ins Hochgebirge kam, sah er ein Mädchen, das Schafe und Ziegen über einen Berggipfel trieb. Als er aber den Gipfel erreicht hatte, war das Mädchen fort und die Tiere auch, und Peer Gynt sah nichts als ein großes Rudel Bären.

„Ich habe doch noch nie Bären in Rudeln beisammen gesehen,“ dachte Peer Gynt. Als er aber näher kam, waren alle bis auf einen verschwunden. Da erscholl es von einem Berge in der Nähe:

„Gib acht auf dein Schwein!
Peer Gynt ist draußen
Mit der Büchse sein!“

„Ach, dann geht es Peer Gynt schlecht, aber nicht meinem Schwein; denn er hat sich heute nicht gewaschen,“ rief es aus dem Berge. schnell wusch sich Peer Gynt die Hände mit dem Wasser, das er bei sich hatte, und schoß den Bären tot. In den Bergen erhob sich ein schallendes Gelächter.

„Du hättest besser auf dein Schwein achtgeben sollen!“ rief die eine Stimme.

„Ich habe nicht daran gedacht, daß er seine Waschschüssel bei sich trägt,“ erwiderte die andere.
Peer Gynt zog dem Bären die Haut ab und verscharrte den Körper im Geröll- aber den Kopf und das Fell nahm er mit. Auf dem Rückwege gewahrte er einen Bergfuchs.

„Sieh, mein Lämmchen, wie fett du bist!“ rief es von einem Berge her.

„Seht nur, wie hoch Peer Gynt die Büchse trägt!“ tönte es von einem andern Berge, als Peer Gynt die Flinte anlegte und den Fuchs erschoß. Er zog auch diesem den Balg ab und nahm ihn mit, und als er in der Sennhütte ankam, nagelte er die Köpfe mit aufgesperrtem Nacken außen an die Wand. Darauf machte er Feuer an und stellte einen Suppentopf darüber. Aber es rauchte so fürchterlich, daß er kaum die Augen offen halten konnte, und er mußte deshalb eine Luke aufmachen. Da kam ein Troll herbei und steckte seine Nase durch die Luke. Aber die Nase war so lang, daß sie bis an den Herd reichte.

„Hier kannst du sehen ein Riechehorn,“ sagte er.

„Hier kannst du schmecken ein Suppenkorn,“ sagte Peer Gynt und goß ihm den ganzen Topf voll heißer Suppe über die Nase. Der Troll stürzte davon und jammerte laut; aber ringsum von allen Höhen lachte und spottete und rief es:

„Gyri Suppenrüssel, Gyri Suppenrüssel!“

Eine Weile war es nun still; aber es währte nicht lange, da erhob sich draußen wieder Lärm und Getöse. Peer Gynt schaute hinaus, und da erblickte er einen mit Bären bespannten Wagen; der große Troll wurde aufgeladen, und dann ging es mit ihm hinauf ins Gebirge. Als er ihm noch nachsah, wurde plötzlich ein Eimer Wasser durch den Schornstein hinabgegossen. Das Feuer erlosch, und Peer Gynt saß im Dunkeln. Da begann es in allen Winkeln zu lachen und zu jubeln, und eine Stimme sagte:

„Jetzt wird es Peer Gynt ergehen wie den Sennerinnen in der Valhütte!“

Peer Gynt zündete das Feuer wieder an, rief die Hunde herbei, verschloß die Sennhütte und ging weiter nordwärts nach der Valhütte, in der die drei Sennerinnen waren. Als er in die Nähe der Hütte kam, sah er ein Feuer auflodern, als ob die ganze Valhütte in lichten Flammen stände. In deAlselben Augenblick stieß er auf ein Rudel Wölfe, von denen er einige niederschoß und die andern erschlug.

Als er die Valhütte erreicht hatte, war es stockfinster in ihr und weit und breit kein Brand zu sehen. Aber vier fremde Kerle waren darin, die es auf die Sennerinnen abgesehen hatten; das waren vier Bergtrolle, die hießen Gust i Være, Tron Valfjeldet, Kjøstøl Aabakken und Rolf Eldførpungen*). Gust i Være stand draußen vor der Tür und sollte wache halten, während die andern bei den Sennerinnen in der Hütte waren und sie belästigten. Peer Gynt schoß auf Gust i Være, fehlte ihn aber, und da lief er davon. Als Peer Gynt in die Stube kam, waren die Sennerinnen übel daran; zwei von ihnen waren ganz außer sich vor Schrecken und flehten zu Gott um Hilfe und Rettung; die dritte aber, die man die tolle Kari nannte, hatte keine Angst. Sie sagte, sie sollten nur kommen, sie hätte wirklich Lust zu sehen, ob solche Kerle auch Schneid hätten. Als aber die Trolle merkten, daß Peer Gynt im Zimmer war, fingen sie an zu jammern und sagten zu Eldførpungen, er solle Feuer anmachen. In demselben Augenblick fielen die Hunde über Kjøstøl Aabakken her und warfen ihn kopfüber auf den Herd, daß Asche und Funken umherstoben.

„Hast du meine Schlangen gesehen, Peer Gynt?“ fragte Tron Valfjeldet; so nannte er nämlich die Wölfe.

„Ja, und nun sollst du denselben Weg gehen wie deine Schlangen!“ rief Peer Gynt und erschoß ihn. Dann schlug er Kabakken mit dem Flintenkolben tot; aber Rolf Eldførpungen war durch den Schornstein entflohen. Nachdem Peer Gynt dies vollbracht hatte, begleitete er die Sennerinnen nach ihrem Dorfe; denn sie trauten sich nicht länger in der Hütte zu bleiben.

Als nun die Weihnachtszeit herankam, war Peer Gynt wieder unterwegs. Er hatte von einem Gehöft auf Dovre gehört, wo sich am Julabend so viele Trolle einfanden, daß sich die Bewahner flüchten und auf andern Höfen Unterkunft suchen mußten. Dieses Gehöft wollte Peer Gynt aufsuchen; denn er hatte Lust, mit den Trollen anzubinden. Er zog schlechte Kleider an und nahm einen zahmen Eisbären, der ihm gehörte, sowie einen Pfriemen, Pech und Draht mit. Als er den Hof erreicht hatte, ging er ins Haus hinein und bat um Obdach.

„Gott steh uns bei!“ sagte der Mann, „wir können dir kein Obdach geben, wir müssen selbst fort von Haus und Hof; denn an jedem Julabend wimmelt es hier von Trollen.“

Aber Peer Gynt meinte, er werde das Haus schon von den Trollen säubern. Da hieß man ihn dableiben, und er bekam noch obendrein eine Schweinshaut. Darauf legte sich der Bär hinter den Herd. Peer holte Pech, Pfriemen und Draht hervor und machte aus der ganzen Schweinshaut einen einzigen großen Schuh. Als Schnürband zog er einen dicken Strick hindurch, so daß er den Schuh rundherum zuschnüren konnte, und außerdem hatte er ein paar starke Handspeichen bereit. Kaum hatte er seine Arbeit beendet, da kamen die Trolle auch schon mit Fiedeln und Spielleuten dahergezogen. Die einen tanzten, die andern aßen von dem Weihnachtsessen, das auf dem Tische stand; einige brieten Speck, andere brieten Frösche und Kröten und ähnliches ekelhaftes Zeug — dies Weihnachtsessen hatten sie selber mitgebracht.

Inzwischen bemerkten einige den Schuh, den Peer Gynt gemacht hatte. Da er offenbar für einen großen Fuß bestimmt war, wollten sie ihn anprobieren, und als jeder von ihnen einen Fuß hineingestellt hatte, schnürte Peer den Schuh zusammen, zwängte eine Speiche hinein und zog den Strick so straff an, daß sie alle miteinander in dem Schuh festsaßen. Nun streckte der Bär die Nase vor und schnupperte nach dem Braten.

„Willst du Kuchen haben, mein weißes Kätzchen?“ fragte einer der Trolle und warf dem Bären einen gebratenen und noch ganz heißen Frosch in den Rachen.

„Schlag los, Meister Petz!“ rief Peer Gynt. Da wurde der Bär so zornig, daß er auf die Trolle losfuhr und sie schlug und kratzte. Und Peer Gynt hieb mit der andern Handspeiche in den Haufen hinein, als ob er allen den Schädel einschlagen wollte. Da mußten die Trolle die Flucht ergreifen. Peer Gynt aber blieb da und schmauste die ganze Weihnachtszeit über von dem Julbraten.

Nun hörte man viele Jahre lang nichts mehr von den Trollen. Der Bauer aber hatte eine blendend weiße Stute. Da gab ihm Peer Gynt den Rat, von dieser Stute Füllen aufzuziehen und sie in den Bergen umherstreifen zu lassen.

Nach vielen Jahren war wieder einmal die Weihnachtszeit vor der Tür. Der Bauer war im Walde und fällte Holz zum Feste. Da kam ein Troll zu ihm und fragte: „Hast du deine große weiße Katze noch?“

„Ja, sie liegt zu Hause hinter dem Ofen,“ versetzte der Mann, „und sie hat sieben Junge bekommen, die noch viel größer und böser sind als sie selbst.“

„Dann kommen wir nie wieder zu dir!“ rief der Troll und war spurlos verschwunden.

*) die vier Elemente: Være (Wetter / Luft), Fjeld / Fjell — (Gebirge / Erde), Aa — (Fluss / Wasser), Eld / Ild – (Feuer)

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