Norwegische Märchen

Verfasst am 14.12.2018 | Abgelegt unter Geschichte & Ortsgeschichten, Mythologie / Sagen, Typisch Norwegisch

Das goldene Schloss, das in der Luft hing

Es war einmal ein armer Mann, der drei Söhne hatte. Als er gestorben war, gedachten die zwei ältesten hinaus in die Welt zu ziehen, um ihr Glück zu versuchen. Den jüngsten wollten sie aber nicht mitnehmen. „Du dummer Junge“, sagten sie, „du taugst ja zu gar nichts, du sitzt nur am Feuerherd, spaltest die Lichtspäne und bläst in die Asche, du Esel.“ – „Nun ja, da gehe ich allein mit mir selbst“, sagte Askeladden, „und so werde ich auch nicht mit meinen Weggenossen uneins.“
Die zwei machten sich also auf den Weg, und als sie einige Tage gewandert waren, kamen sie in einen großen Wald und wollten von den mitgebrachten Speisen essen; denn sie waren hungrig und müde. Wie sie so dasaßen, kam ein altes Weibsbild aus einem Erdhügelchen herauf und bat um ein bisschen Essen. Sie war so alt und gebrechlich, dass sie immer mit dem Kopfe wackelte und den Mund auf und zu machte. Mühsam kroch sie mit Hilfe eines Stockes fort; denn sie hätte nicht ein Brotkrümchen in hundert Jahren gekostet, sagte sie. Die Burschen aßen aber fort und sagten lachend, wenn sie sich so lange von nichts genährt und erhalten hätte, so könne sie gewiss bis zu ihrem seligen Ende leben, ohne ihr bisschen Mundvorrat mitverzehren zu müssen. Sie hätten selbst wenig in den Taschen, und es wäre hier nichts für sie zu erhaschen. Als sie sich satt gegessen und ausgeruht hatten, machten sie sich aus dem Staube und kamen nach langer Zeit an ein Königsschloß, wo sie beide einen Dienst p bekamen.
Eine Weile nachdem jene von Hause weggeganpgen waren, sammelte Askeladden die von den Brüdern verspchmähten Brocken und Bissen zusammen, legte sie in einen kleinen Schnappsack, nahm die alte Flinte ohne Schloss – denn er dachte, die könne ihm auf der Reise vielleicht Nutzen bringen -, und so machte er sich auf den Weg.
Als er etliche Tage gewandert war, kam auch er an den großen Wald, den seine Brüder durchwandert hatten, und da er müde und hungrig war, setzte er sich unter einen Baum, um zu essen und auszuruhen. Er schaute sich aber bald nach dieser, bald nach jener Seite um, und indem er seinen Schnappsack aufmachte, sah er an einem von den Bäumen ein Bildnis hängen. Es war aber darauf ein junges Fräulein oder eine Prinzessin abgemalt, und die dünkte ihm so schön, dass er seine Augen von dem Bilde gar nicht wieder weg wenden konnte. Er vergaß Essen und Schnappsack und alles, nahm das Bildnis herunter, legte sich hin und staunte es an. Ehe er es sich versah, kam aber das alte Mütterchen aus ihrem Erdhügelchen herauf; sie wackelte mit dem Kopfe, bewegte immer den Mund, als wenn sie kaute, kroch mit Hilfe des Stockes heran und sagte wie vorher, dass sie in hundert Jahren kein Stückchen Brot gekostet hätte. „Da ist es hohe Zeit, dass du jetzt ein klein bisschen zu essen bekommst, Großmutter“, sagte Askeladden und gab ihr die Brocken, welche er mitgebracht hatte.
Die Alte sagte nun, dass niemand sie in hundert Jahren Mutter geheißen und sie wolle es ihm mit einem Mutterstückchen vergelten. Sie schenkte ihm also einen grauwollenen Zwirnknäul, welchen er nur vor sich herzurollen brauche, so komme er überallhin, wo er sich hinwünsche. Das deuchte dem Askeladden alles sehr gut, das Bild konnte er aber um keinen Preis zurücklassen. Er nahm es also unter den Arm, kollerte den Zwirnknäul vor sich hin, und dann dauerte es nicht lange, bis er vor dem Schlosse stand, wo seine Brüder dienten.
Er bot hier auch seine Dienste an, die Leute gaben ihm aber zur Antwort, dass sie ihn nicht brauchten, sie hätten soeben zwei Knechte angenommen. Als er aber gleichwohl nicht aufhörte, schön zu bitten, so ward es ihm zuletzt erlaubt, bei dem Stallmeister zu bleiben, um die Pferde zu warten. Das war dem Askeladden sehr lieb; denn Pferde hatte er gern, und er war ebenso gescheit wie fleißig, lernte bald die Pferde warten und pflegen, und es dauerte nicht lange, bis alle, die im Schlosse waren, große Stücke auf ihn hielten. Ein jedes Stündchen, das ihm übrig blieb, brachte er vor dem Bilde zu, das er an einem Nagel auf dem Heuboden aufgehängt hatte.
Seine Brüder aber waren faul und träge, darum wurden sie oft gerüffelt und bekamen auch oft etwas auf den Buckel, und als sie sahen, dass es dem Askeladden viel besser ging, wurden sie eifersüchtig und sagten dem Stallmeister, er sei ein Götzendiener, der nicht Gott, sondern ein Bild verehre. Obwohl der Stallmeister den Burschen gern hatte, dauerte es doch nicht lange, bis er es dem König meldete. Der König aber fuhr ihn an und wies ihn kurz ab; denn er war immer traurig und schlechter Laune, weil seine Töchter von einem Troll entführt worden waren. Indes, es wurde ihm so oft und so lange in das Ohr geflüstert, dass er zuletzt doch wissen wollte, was der Bursche eigentlich trieb.
Als er auf den Boden kam, erkannte er sofort das Bildnis seiner jüngsten Tochter, und als die Brüder das hörten, hatten sie gleich wieder etwas fertig und hinterbrachten es dem Stallmeister: „Unser Bruder hat gesagt, dass, wenn er nur wolle, er leicht imstande sein werde, dem König seine Tochter wiederzuschaffen.“
Es dauerte, wie man wohl denken kann, gar nicht lange, bis der Stallmeister mit dieser Geschichte zum König lief, und als der König das gehört hatte, ließ er den Askeladden sogleich rufen und sagte: „Deine Brüder erzählen, dass du mir meine Tochter wiederschaffen kannst. Jetzt sollst du dich gleich auf die Socken machen und sie herbringen.“ Askeladden antwortete, er habe nicht gewusst, dass sie des Königs Tochter sei, bis der König es ihm selbst erzählt habe, und wenn er sie retten und zurückbringen könne, so wolle er wohl sein Möglichstes tun; zwei Tage müsse er aber haben, um sich zu rüsten und um alles zu überlegen. Das wurde genehmigt. Der Bursche holte den grauwollenen Zwirnknäul hervor, rollte ihn vor sich hin und ging ihm nach, bis er zu dem Altmütterchen kam. Jetzt fragte er, was er tun solle, und sie sagte, er möge seine alte Flinte, dreihundert Kästen voll eiserne Nägel, dreihundert Scheffel Gerste, dreihundert Scheffel Grieß und dreihundert geschlachtete Schweine mitnehmen.
Wie gesagt, so tat der Bursche; er ging wieder ins Schloss, nahm seine alte Flinte und bat den König um Nägel, Fleisch und Speck und um Pferde, Fuhrleute und Wagen, dass er alles mit fortbringen könnte. Das dünkten dem König wohl große Forderungen zu sein, wenn er aber seine Tochter wieder herbeischaffen könne, solle er alles haben, was er nur verlange, und sei es auch das halbe Königreich.
Als der Bursche sich gerüstet hatte, rollte er den Zwirnknäul wieder vor sich her, und er war noch nicht viele Tage gewandert, als er an eine hohe Bergwand kam; dort saß ein Rabe auf einer Kiefer. Askeladden pirschte ihn an, und als er schußgerecht war, fing er zu zielen an. „Nein, nein, schieß nicht, schieß mich nicht, so werde ich dir helfen“, schrie der Rabe. „Ich habe auch noch nicht gehört, dass Rabenbraten etwas Köstliches ist“, sagte der Bursche, „und wenn dir das Leben lieb ist, so kannst du es meinetwegen genießen.“ Damit warf er seine Flinte hin; der Rabe kam heruntergeflogen und erzählte ihm folgendes: „Hier oben auf diesem hohen Gebirge läuft ein Trollkind herum, das sich so verirrt hat, dass es nicht wieder herunterkann. Ich werde dich hinauftragen, so kannst du das Kind nach Hause bringen und eine Belohnung erhalten, die du gut brauchen kannst. Der Troll wird dir das Glänzendste, was in seinem Besitz ist, anbieten. Du musst aber nichts anderes verlangen als den kleinen Esel, welcher hinter der Stalltür steht.“
So nahm denn der Rabe den Burschen auf den Rücken und trug ihn hinauf und setzte ihn oben auf dem Berge ab. Als er ein Endchen auf der Gebirgsfläche hingewandert war, hörte er das Trollkind jammern und heulen. Askeladden sprach ihm so freundlich zu, dass sie bald befreundet und ganz gut miteinander wurden. Er versprach, es herunterzubringen, und wollte es geraden Wegs nach dem Hofe des Trolls begleiten, damit es sich auf dem Nachhauseweg nicht wieder verlaufen solle. Dann gingen sie zu dem Raben, der alle beide auf den Rücken nahm und bis zu den Gebirgstrollen trug.
Als der Troll sein Kind wieder sah, freute er sich so, dass er sich selbst vergaß, und sagte zu dem Burschen, er möge nur hineingehen und nehmen, was er haben wolle, weil er sein Söhnchen gerettet habe. Er bot ihm Gold und Silber und allerlei köstliche und seltsame Dinge an; der Bursche sagte aber, er möchte am liebsten ein Pferd haben. Jawohl, ein Pferd könne er bekommen, sagte der Troll, und so gingen sie nach dem Stall. Ei, da standen Prachtpferde, die wie Sonne und Mond glänzten. Es kam aber dem Burschen so vor, als ob sie für ihn alle zu groß wären. Er guckte also hinter die Stalltüre, und als er da den kleinen grauen Esel sah, sagte er: „Den will ich haben, der ist mir recht. Falle ich herunter, so ist es nicht weit bis zur Erde.“ Der Troll mochte freilich nicht gern seinen Esel verschenken. Da er aber einmal alles, was er wünsche, zugesagt hatte, musste er doch zuletzt sein Versprechen halten.
Askeladden bekam also den Esel mit Sattel und Zaum und allem Zubehör und machte sich gleich mit ihm aus dem Staube. So reisten sie zusammen durch Wälder und Berge und weite Gebirgshalden. Als sie nun eine große Strecke durchzogen hatten, da fragte der Esel den Burschen, ob er etwas sehe. „Nein, ich sehe nichts anderes als einen hohen blauen Berg, wenn es nicht eine Wolke ist“, versetzte der Junge. „Nun ja! Durch jenen Berg müssen wir reiten“, sagte der Esel. „Das möchte ich kaum glauben“, meinte Askeladden. Als sie bei dem Berg angelangt waren, kam ein Einhorn so wütend auf sie los, als wenn es sie lebendig verschlingen wollte. „Jetzt, glaube ich, wird mir bange“, sagte Askeladden. „Nicht doch“, sagte der Esel, „lade nur ein paar Stiegen ausgeschlachtete Rinder ab. Und dann bitte schön, dass es ein Loch bohrt und einen Weg durch den Berg bricht“, setzte er hinzu. Das tat der Bursche, und als das Einhorn sich voll gefressen hatte, versprachen sie ihm noch obendrein ein paar geschlachtete Schweine, wenn es voranginge und ein Loch durch den Berg machte, damit sie durchkönnten. Als das Einhorn von dem Schweinefleisch hörte, bohrte und brach es so schnell einen Weg durchs Gestein, dass sie Mühe hatten, ihm zu folgen, und als es fertig war, bekam es auch das Versprochene.
Als sie hier so gut durchgekommen waren, reisten sie weiter durch vieler Herren Länder und kamen endlich in einen Wald und über eine hohe Gebirgsebene. „Siehst du jetzt etwas?“ fragte der Esel. „Nein, ich sehe nichts anderes als den Himmel und die wilde, weite Gebirgseinöde“, antwortete Askeladden. So reisten sie immer weiter, und als sie etwas höher hinaufkamen, da wurde das Gebirge flacher, so dass sie sich weiter umsehen konnten. „Siehst du jetzt etwas?“ fragte der Esel. „Ja, in weiter Ferne sehe ich etwas, das wie ein kleiner Stern schimmert und glänzt“, antwortete der Bursche. „So klein ist es doch auch nicht“, sagte der Esel, und als sie wieder weiter gezogen waren, fragte er aufs Neue: „Was siehst du jetzt?“ – „Ja, nun sehe ich in weiter Ferne etwas, das wie ein Mond scheint.“ – „Es ist kein Mond, aber das kupferne Schloss, wohin wir wollen. Da liegen drei Drachen vor dem Tor als Türhüter, sie haben schon dreihundert Jahre geschlafen, so dass ihnen Moos über die Augen gewachsen ist.“ – „Unter den Umständen, denke ich, werde ich mich etwas fürchten“, sagte Askeladden. „Mitnichten“, antwortete der Esel, „du brauchst nur den jüngsten zu wecken und ihm ein paar ausgeschlachtete Rinder und Schweine ins Maul zu werfen, so bringt er die übrigen zwei zur Räson, so dass du in das Schloss kommen kannst.“
Sie reisten nun aber immer noch eine schöne Weile, bis sie zu dem Schlosse kamen. Als sie aber endlich dorthin gelangten, erschien es ihnen groß und prachtvoll, und alles, was sie sahen, war aus getriebenem Kupfer. Vor dem Torwege aber lagen die Drachen und versperrten die Türe, so dass niemand hineinkommen konnte. Man sah aber, dass sie einer gesegneten Ruhe bei ihrer Wache genossen hatten; denn sie waren so mit Moos überwachsen, dass man nicht zu erkennen vermochte, woraus sie eigentlich gemacht waren, und an ihren Seiten fing der Jungwuchs zwischen den Mooshügelchen recht lustig zum Wald emporzuwachsen an.
Der Bursche weckte den kleinsten, der sich die Augen rieb und die Moosfetzen abkratzte, so dass sie um ihn herumflogen. Als er Menschen sah, ging er gleich mit weit aufgesperrtem Rachen auf Askeladden los; der hatte sich aber gut vorbereitet und warf ihm seine Rinder- und Schweinebraten ins Maul hinein, bis er sich satt gefressen hatte und so manierlich wurde, dass der Bursche in aller Ruhe mit ihm sprechen konnte. Er bat ihn also, er möge seine Kameraden wecken und sie ersuchen, sich von dem Torweg weg zu begeben, damit er in das Schloss hineinkäme. Der Drache meinte zu Anfang, das wage er gar nicht; denn sie wären seit zweihundert Jahren nicht aufgewacht und hätten auch seit der Zeit keinen ganzen Bissen gekostet, er fürchte, dass sie wild und wie toll herumfahren und Lebendiges wie Totes verschlingen möchten. Der Bursche meinte aber, man könne ja einhundert Stück geschlachtete Ochsen und Schweine abladen und indessen ein bisschen auf die Seite gehen, da könnten sie sich satt fressen und sich von ihrer Schlafsucht und ihrem Hungerleiden erholen. Der Meinung war der Drache auch, und so wurde es gemacht.
Als die zwei alten Schlafmützen ordentlich wach wurden und das Moos aus ihren Augen gekratzt hatten, fuhren sie wie unsinnig umher und schnappten nach rechts und links, und der junge Drache hatte viel Mühe, sich vor ihren Zähnen und Kinnladen zu hüten, bis sie die Witterung des Fleisches bekommen hatten. Dann verschlangen sie auf einmal ganze Ochsenviertel und hielten mit dem Fressen nicht eher inne, als bis sie satt waren. Nachher wurden sie ganz zahm und gefällig, dass sie den Burschen zwischen sich hindurch und in das Schloss hineinließen. Da war es aber so prachtvoll, dass er niemals geglaubt hätte, dass es auf der Welt so herrlich sein könne, aber menschenleer war es auch; denn er ging aus einer Stube in die andere und machte alle Türen auf, sah aber doch niemand. Zuletzt guckte er in ein Kämmerchen hinein, das er früher nicht beachtet hatte.
Da drinnen saß eine Prinzessin, die spann, und sie freute sich sehr, als sie ihn sah. „Ach, ist es möglich, dass ein Mensch hierher kommt“, rief sie, fügte aber gleich hinzu: „Am besten ist es, du machst dich wieder aus dem Staube, wenn der Troll dich nicht töten soll; denn es wohnt hier ein Troll mit drei Köpfen.“ Der Bursche meinte aber, er werde dableiben, und hätte er sieben Köpfe. Als die Prinzessin das hörte, wollte sie, dass er versuche, das große rostige Schwert, das hinter der Türe hing, zu schwingen. – Nein, das könne er nicht, er vermöge es kaum von dem Nagel zu heben. „Ja, wenn du das nicht kannst“, sagte die Prinzessin, „so musst du einen Schluck aus der Flasche, die dem Schwert zur Seite hängt, nehmen; denn das macht der Troll, wenn er hinausfahren will, um es zu brauchen.“ Askeladden nahm ein paar Schlucke, und so konnte er es schwingen, wie wenn das Schwert aus Holz wäre.
Ehe sie es sich versahen, kam der Troll sausend und brausend dahergetobt. „Hu, hu, es riecht so nach Menschenfleisch hier!“ rief er. „Ja, ja, meinetwegen“, sagte Askeladden. „Du brauchst aber deshalb nicht so mit der Nase zu blasen; denn es soll dir nicht lange weh tun“, fügte er hinzu und schlug ihm alle drei Köpfe mit einem Hieb ab. Die Prinzessin wurde über ihre Befreiung so fröhlich und guter Dinge, dass sie zu singen und zu tanzen anfing. Nach einer kleinen Weile wurde sie aber trübselig, weil sie sich nach ihrer Schwester sehnte, die von einem Troll mit sechs Köpfen geraubt worden war und auf einem silbernen Schloss wohnte, dreihundert Meilen hinter dem Ende der Welt. Der Bursche meinte, das sei nicht der Mühe wert, sich darüber Sorge zu machen, er könne ja die Prinzessin mitsamt dem Schlosse herbeiholen. Und so nahm er Schwert und Flasche, bestieg seinen Esel und bat die Drachen, dass sie ihn begleiten und einen Wagen voll Fleisch, Speck und eiserne Nägel tragen sollten.
Als sie längere Zeit unterwegs und schon weit über Land und Strand gereist waren, da fragte der Esel eines Tages: „Erblickst du etwas?“ – „Ich sehe nichts andres als Land und Wasser, Himmel und Erde“, antwortete der Bursche. So reisten sie wieder weiter. „Siehst du jetzt etwas?“ fragte der Esel. „Ja!“ sagte Askeladden auf einmal, er sehe etwas in heiter Ferne, es schimmere wie ein kleiner Stern. „Es wird wohl noch größer werden“, meinte der Esel.
Als sie weiter gereist waren, fragte er wieder, ob er etwas bemerke. „Nun sehe ich es wie einen Mond schimmern“, sagte Askeladden. „Ja, ja“, sagte der Esel. Und einige Tage später fragte er wieder: „Erblickst du jetzt etwas?“ – „Nun dünkt es mir, dass es beinahe wie die Sonne glänzt“, sagte der Bursche. „Ei ja, das ist das silberne Schloss, wohin wir wollen“, versetzte der Esel. „Aber da draußen liegt ein Lindwurm auf der Wache und versperrt den Weg.“ – „Da werde ich wohl Furcht bekommen“, sagte Askeladden. „Nicht doch“, antwortete der Esel, „wir werden ihn schichtweise mit Reisig und Hufeisennägeln zudecken und Feuer um ihn anlegen.“
Nach langer Zeit endlich kamen sie dahin, wo das Schloss in der Luft hing und wo der Lindwurm davor lag und den Weg versperrte. Askeladden gab den Drachen eine reichliche Portion Ochsen- und Schweinefleisch, damit sie ihm halfen, und sie deckten den Lindwurm mit Schichten von Reisig und eisernen Nägeln zu, bis die dreihundert Fässer leer waren. Dann machten sie Feuer an und verbrannten den Lindwurm zu Asche. Als das getan war, flog der eine Drache nach dem Schlosse hinauf und hob es ein bisschen. Die andern zwei schwangen sich aber noch höher empor und machten die Kettenhaken, an welchen es in der Luft hing, los und ließen es auf das Feld hinunter. Nun ging Askeladden in das Schloss hinein.
Es war noch viel prächtiger als das kupferne Schloss. Menschen sah er nicht, bevor er in das letzte Zimmer trat. Da lag die Prinzessin auf einem Paradebett und schlief so fest, wie wenn sie tot wäre. Tot war sie aber nicht, obwohl er sie nicht wecken konnte; denn ihr Antlitz war wie Milch und Blut. Wie Askeladden dastand und die Prinzessin anschaute, kam auf einmal der Troll angeflogen. Er steckte den vordersten Kopf zur Tür herein und schrie: „Hu, es riecht nach Menschenfleisch!“ – „Vielleicht“, sagte der Bursche. „Aber darum brauchst du nicht so stark durch deine Nase zu blasen; denn lange soll es dir nicht wehe tun!“ Und er hieb ihm die Köpfe ab, wie wenn sie auf Krautstielen säßen. Dann luden sich die Drachen das silberne Schloss auf den Rücken und flogen damit nach Hause. Sie machten auch auf dem Wege gar nicht lang, das kannst du wohl glauben, und setzten es neben das kupferne, so dass es weit und breit glänzte und schimmerte.
Als die Prinzessin des Kupferschlosses den nächsten Morgen zum Fenster hinausschaute, freute sie sich so, dass sie gleich nach dem Silberschlosse lief. Da sie ihre Schwester in einen Totenschlaf versunken sah, sagte sie zu Askeladden, allein das Wasser des Lebens und des Todes könne ihr helfen, das sprudele aber nur in zwei Brunnen zu beiden Seiten eines goldenen Schlosses, welches neunhundert Meilen hinter der Welt in der Luft hänge. Und dort wohne auch ihre dritte Schwester, die von einem Troll mit neun Köpfen entführt worden sei. Ja, da gäbe es freilich keinen anderen Rat, meinte Askeladden, als auch das zu holen. Und es dauerte gar nicht lange, so war er schon auf dem Wege. Er reiste wieder in die weite Welt, durch vieler Herren Länder, durch Moor und Wald, über Heiden und Wasserfluten, über Land und Strand, über Täler und Berge.
Zuletzt kam er ans Ende der Welt, und auch da reiste er immer noch weiter. „Siehst du etwas?“ sagte der Esel wieder eines Tages. „Ich sehe nichts anderes als Himmel und Erde“, versetzte der Bursche. „Siehst du jetzt etwas?“ fragte der Esel nach etlichen Tagen. „Ja, jetzt kommt es mir vor, als wenn ich in weitester Ferne einen Schimmer, wie einen kleinen Stern, erblicke“, antwortete der Bursche. „Ei, es ist doch nicht so klein“, sagte der Esel. Als sie wieder eine Weile gereist waren, fragte er: „Siehst du jetzt etwas?“ – „Ja, jetzt dünkt es mich, dass es wie ein Mond scheint“, sagte der Bursche. So reisten sie wieder einige Tage, dann glänzte es wie die Sonne, und siehe, jetzt waren sie an dem goldenen Schlosse angelangt, das in der Luft hing und von allen wilden Tieren und Scheusalen der Welt bewacht wurde. Da meinte Askeladden recht im Ernst, dass er eine schauderhafte Furcht empfinde. Der Esel sagte aber: „Nicht doch!“ und erklärte ihm, es habe keine Gefahr, wenn er sich nicht zu lange aufhalte, sondern abfahre, sobald seine Krüge mit Wasser gefüllt seien; denn um durchzukommen, habe er nicht mehr als eine Stunde des Tages, nämlich zwischen zwölf und eins. Wenn er aber nicht imstande sei, mit dieser Zeit fertig zu werden und sich fortzumachen, so würden die Tiere ihn in tausend Fetzen zerreißen. Ja, das werde er wohl tun, sagte der Askeladden, er werde sich nicht zu lange aufhalten.
Um zwölf Uhr waren sie da. Alle wilden Tiere und Scheusale der Welt lagen wie ein Zaun um das Schloss herum und versperrten den Eingang. Sie schliefen aber alle wie die Stöcke, und kein einziges regte und bewegte sich. Der Bursche schlich sich zwischen ihnen durch und nahm sich wohl in Acht, dass er keinem auf die Hühneraugen oder Frostballen trat. Dann füllte er seine Krüge mit dem Wasser des Lebens und des Todes und besah sich mittlerweile das aus purem Gold gegossene Schloss.
Es dünkte ihm das Herrlichste, was er bis jetzt gesehen hatte, und er meinte, von innen möge es wohl noch prachtvoller sein. Ei nun, dachte er, ich habe ja Zeit genug, ein halbes Stündchen kann ich mich schon umschauen. Und so machte er sich auf und ging hinein. Da war es gar zu prachtvoll, und er ging aus einer glänzenden Stube in die andere. Sie schimmerten von Gold, Perlen und Diamanten und den köstlichsten Dingen, welche man sich nur vorzustellen vermochte. Menschen waren jedoch nicht zu sehen. Als er aber in das letzte Zimmer hinein trat, lag eine schlafende Prinzessin auf einem Paradebett wie tot hingestreckt. Sie war so weiß und rot wie ein Blutstropfen auf gefallenem Schnee, so prachtvoll gekleidet wie eine Königin und so wunderschön, dass er etwas so Schönes noch niemals gesehen hatte, ausgenommen auf dem Bildnisse; denn sie war es, die auf dem Bilde abkonterfeit war. Da vergaß der Bursche das Wasser, das er holen sollte, die Tiere, das ganze Schloss und alles und staunte nur die Prinzessin an. Sie lag aber wie in Todesschlaf versunken, und er bemühte sich vergebens, sie zu erwecken.
Gegen Abend kam der Troll sausend und brausend daher gestoben und geflogen, machte die Pforte auf und schlug die Tür mit einem Lärmen zu, gerade wie wenn es donnere, so dass es im ganzen Schlosse krachte und knackte. „Hu, hier riecht es nach Menschenfleisch“, sagte er und steckte den vordersten Kopf zur Türe hinein und schnob mit der Nase. „Vielleicht“, sagte der Askeladden. „Du brauchst aber deswegen nicht so mit der Nase zu schnauben, denn es soll dir nicht lange wehe tun.“ Und dann köpfte er ihn, als wenn er Krautköpfe getragen hätte. Als er das Stückchen Arbeit vollendet hatte, da wurde er so schläfrig, dass er die Augen nicht offen zu halten vermochte. Er sank auf das Bett an die Seite der Prinzessin hin, und sie schlief Tag und Nacht, wie wenn sie niemals erwachen könnte.
Um Mitternacht ward sie einen Augenblick munter, sagte ihm Dank, dass er sie gerettet habe, fügte aber hinzu, dass sie noch drei Jahre hier bleiben müsse, und wenn sie dann noch nicht wieder nach Hause gekommen sei, so möge er sie abholen. Er selbst wachte auch nicht eher auf als um das Ende der ersten Stunde des folgenden Nachmittags, und da hörte er, wie der Esel zu schreien und zu jammern anfing, und es dünkte ihm das Beste, sich auf den Heimweg zu begeben. Zuvor aber schnitt er ein Stück von dem Kleide der Prinzessin ab und nahm es mit. Wie dem nun aber auch sein mochte, er hatte so lange gezögert, dass die Tiere sich zu regen und zu bewegen anfingen, und als er seinen Esel wieder bestiegen hatte, umringten sie ihn dergestalt, dass ihm hier nicht die besten Aussichten zu blühen schienen. Der Esel sagte aber, er möge nur das Viehzeug mit einigen Tropfen von dem Wasser des Todes begrüßen. Wie gesagt, so getan, und so stürzten sie auf der Stelle hin, und keins regte mehr ein Glied.
Auf dem Heimweg sagte der Esel: „Wenn du jetzt zu Ehren und Hoheit kommst, wirst du mich vergessen, so dass ich mich vor Hunger nicht mehr auf meinen Beinen halten werde.“ – „Nein, das soll nimmermehr geschehend, versetzte Askeladden. Als er der Prinzessin das Wasser gebracht hatte, goss sie einige Tropfen über ihr Schwesterlein, so dass sie erwachte, dann war große Freude, und sie waren miteinander guter Dinge. Sie fuhren nach Hause zu dem alten König, und der freute sich über alle Maßen, dass die zwei wieder da waren. Er sehnte sich aber doch immer, dass die drei Jahre vorbei wären, bis die jüngste Tochter auch wiederkäme. Askeladden schwang sich mittlerweile empor, und der König machte einen großen Herrn aus ihm, so dass er nächst ihm der Erste im Lande war.
Viele waren eifersüchtig auf ihn, weil er aus nichts ein so großer Herr geworden sei, und unter diesen war auch einer namens Ritter Röd, der die älteste Prinzessin freite. Der überredete seine Frau, dass sie Askeladden mit einigen Tropfen Todeswasser besprengte, so dass er einschlief.
Als die drei Jahre vorbei waren und es schon ein Stückchen in das vierte hineinging, kam ein Kriegsschiff einher gesegelt, und darauf war die dritte Prinzessin mit einem dreijährigen Kinde. Sie schickte zum König und ließ sagen, sie setze keinen Fuß in das Schloss, bevor sie nicht ihren Ritter zu ihr gesandt hätten. Sie schickten ihr also einen von den vornehmsten Hofkavalieren, und als der auf dem Schiff vor die Prinzessin getreten war, schwenkte er den Hut herum und machte Bücklinge und Kratzfüße, die nur so sein mussten. „Kann wohl dieser da dein Vater sein, mein Söhnchen?“ fragte die Prinzessin das Kind, das mit einem goldenen Apfel spielte. „Nein, gar nicht; denn mein Vater kriecht nicht wie eine Käsemade herum“, sagte der kleine Junge. So schickten sie ihr noch einen von derselben Art, und das war Ritter Röd. Ihm ging es aber kein Haar besser als dem ersten, und die Prinzessin ließ sagen, wenn sie ihr nicht baldigst den rechten schickten, solle es ihnen schlecht ergehen. Als sie das hörten, mussten sie Askeladden mit dem Wasser des Lebens aufwecken, und dann ging er zu der Prinzessin an Bord. Er machte gar nicht zu viele Kratzfüße; kannst du es glauben? Er nickte nur ein bisschen mit dem Kopfe und zog das von dem Kleide der Prinzessin abgeschnittene Stückchen Zeug hervor. „Der ist mein Väterchen“, rief das Kind und gab ihm den goldenen Apfel.
Nun war erst eine große Freude, und man stellte Feierlichkeiten in dem ganzen Reiche an, und der alte König freute sich am meisten, weil er sein Schoßkind wiederbekommen hatte. Da es ans Tageslicht kam, was Ritter Röd und die älteste Prinzessin getan hatten, wollte der König, dass ein jedes von ihnen in einer Tonne voller Nägel herumgerollt würde. Da aber Askeladden und die Prinzessin für sie Fürbitte einlegten, wurden sie alle beide begnadigt.
Als sie nun ihre Hochzeit in dem Königsschlosse feiern sollten, stand der junge Bursche eines Tages am Fenster und guckte hinaus. Es war gerade im Frühjahr, wo man das Vieh und die Pferde auf die Weide zu treiben pflegt. Da kam ganz zuletzt der Esel, der war aber so elend und abgeschunden, dass er auf den Knien zur Tür hinaus gestoßen wurde. dass er den Esel so ganz vergessen hatte, tat Askeladden so weh, dass er gleich hinunterlief und nicht wusste, was er ihm zugute tun sollte. Der Esel sagte aber, das Beste, was er tun könne, wäre, ihm den Kopf abzuschlagen. Das wollte Askeladden nicht, aber der Esel bat so herzlich und inständig, dass er nicht widerstehen konnte, und als der Kopf zur Erde fiel, war es mit dem Zauberbalg vorbei; denn statt des Esels stand der schönste Prinz da, den jemand nur sehen konnte. Der hielt nun um die andere Prinzessin an, und dann wurde eine Hochzeit gemacht, von der in vieler Herren Ländern erzählt wurde, und damit ist es mit dem Märchen von dem goldenen Schlosse, das in der Luft hing, aus.

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